Ein Wochenende in Liberec klingt zunächst nach einem entspannten Städtetrip. Bei uns begann es allerdings mit einer Felsenstadt, führte über mittelalterliche Burgruinen zu einem futuristischen Hotel auf 1.012 Metern Höhe und endete bei Pilsner Urquell und Absinth. Dazwischen: böhmische Küche, überraschend viel Architektur und die Erkenntnis, dass Liberec deutlich mehr kann als nur Ještěd. Wer hätte ferner gedacht, dass ich bereits damals das beste Bier der Welt getrunken habe. Bewusst wurde mir es ja erst in Pilsen an der sprichwörtlichen Quelle.
Durch das Böhmische Paradies nach Liberec
Unser eigentliches Ziel war Liberec im Norden Tschechiens. Doch wer schon einmal in Böhmen unterwegs war, weiß: Der Weg ist mindestens so interessant wie das Ziel. Also machten wir aus der Anreise kurzerhand eine kleine Entdeckungstour durch das Böhmische Paradies.
Erster Halt waren die Prachauer Felsen. Die beeindruckende Felsenstadt besteht aus bizarren Sandsteinformationen, zwischen denen sich schmale Wege und Schluchten hindurchziehen. Manche Felsen ragen bis zu 40 Meter hoch aus der Landschaft. Wir begnügten uns mit einer kurzen Wanderung. Lang genug, um einen Eindruck von dieser außergewöhnlichen Natur zu bekommen, aber kurz genug, um unseren eigentlichen Plan nicht aus den Augen zu verlieren.





Die Burg Trosky präsentierte sich mit ihren beiden markanten Türmen schon von Weitem als Bilderbuchruine. Die mittelalterliche Burg thront auf zwei vulkanischen Basaltkegeln und gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen des Böhmischen Paradieses. Bei uns blieb es beim Fotostopp. Manchmal muss man eine Sehenswürdigkeit schließlich auch einfach nur bewundern können, ohne sofort eine Tageswanderung daraus zu machen.
Weiter ging es zur Hrubá Skála, deren Schloss spektakulär auf einem Sandsteinfelsen über der gleichnamigen Felsenstadt liegt. Ursprünglich als Burg im 14. Jahrhundert gegründet, wurde die Anlage später zum Renaissance-, Barock- und schließlich zum romantischen neugotischen Schloss umgebaut. Auch hier hieß es: Kamera raus, Motiv suchen, weiterfahren.
Unser letzter Zwischenstopp war Kozákov, der höchste Berg des Böhmischen Paradieses. Ursprünglich ein Vulkan gewesen ist es jetzt zum Naherholungsgebiet inkl. Aussichtsturm umfunktioniert worden. Eigentlich hätte man hier problemlos noch mehr Zeit verbringen können. Doch unser eigentliches Ziel wartete bereits am Horizont.
Der Ještěd: Ein Raumschiff bittet zur Übernachtung
Der Ještěd war der eigentliche Grund für unsere Reise nach Liberec. Der Berggipfel verfügt nämlich über ein Hotel, was mit ca. 160,- € die Nacht bezahlbar ist und ein einmaliges Erlebnis liefert.
Schon von Weitem wirkt das Gebäude surreal. Ein schlanker, futuristischer Körper erhebt sich über dem Berg und sieht weniger nach Hotel als nach einem Raumschiff aus, das irgendwann in den 1970er-Jahren beschlossen hat, dauerhaft in Tschechien zu bleiben.
Tatsächlich steckt hinter dem ungewöhnlichen Bau eine ziemlich spannende Geschichte. Nachdem das ursprüngliche Hotel auf dem Ještěd 1963 abgebrannt war, sollte dort eigentlich ein Hotel und ein separater Fernsehsender entstehen. Architekt Karel Hubáček hatte allerdings eine andere Idee: Er kombinierte einfach beides in einem einzigen Gebäude. Das Ergebnis ist ein sogenanntes Rotationshyperboloid und eines der außergewöhnlichsten Bauwerke des 20. Jahrhunderts.




1973 wurde der Fernsehturm Ještěd fertiggestellt. Hubáček erhielt bereits 1969 für seinen Entwurf den renommierten Auguste-Perret-Preis des Internationalen Architektenverbandes. Als bislang einziger Tscheche. Heute ist der Ještěd nationales Kulturdenkmal und gilt als Wahrzeichen von Liberec und der gesamten Region.
Auf 1.012 Metern Höhe befinden sich Fernsehsender, Restaurant und Hotel unter einem Dach. Sogar das Interieur wurde bewusst gestaltet und verwendet viel Glas, das an die lange Tradition der Glasherstellung in der Region erinnert.
Und wie war die Übernachtung? Einfach genial!
Der Ještěd war schließlich der Hauptgrund für unseren Trip und er wurde seinem Ruf mehr als gerecht. Hier schläft man nicht einfach in einem Hotel. Man schläft in einem architektonischen Wahrzeichen. Allein die Vorstellung, in diesem futuristischen Bauwerk über Liberec zu übernachten, macht den Aufenthalt besonders. Ironischerweise wirkte dieses futuristische Gebäude wie eine Zeitreise in die Vergangenheit.
Liberec am Abend: Essen, Bier und jede Menge Architektur
Nach dem Erlebnis Ještěd ging es hinunter in die Stadt. Und spätestens jetzt zeigte sich, dass Liberec nicht nur wegen seines Berges eine Reise wert ist.
Unser Abend begann im Ratskeller (Radniční Sklípek). Gute Küche, guter Service und gutes Bier. Genau das, was man nach einem Tag voller Felsen, Burgen und Architektur braucht.



Daneben befindet sich das prachtvolle F. X. Šalda-Theater, welches zwischen 1881 und 1883 nach Plänen der Wiener Theaterarchitekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer im Stil der Neorenaissance errichtet. Besonders sehenswert sind die opulente Fassade und der historische Theatervorhang, an dessen Gestaltung unter anderem Gustav Klimt beteiligt war. Seit 1957 trägt das Haus den Namen des in Liberec geborenen Schriftstellers und Theaterkritikers František Xaver Šalda.
Danach wechselten wir in die Tatáž Pakáž. Die Bar überraschte mit einem ziemlich ungewöhnlichen Après-Ski-Look. Mit einem Kozel-Bier in der Hand fühlte sich Liberec plötzlich beinahe wie ein Wintersportort an. Nur fehlte der Schnee und vermutlich auch die Bereitschaft, noch mit Skiern einen Hang hinunterzufahren.
St. Antonius, Baťa und die großen Häuser von Liberec
Die Kirche St. Antonius des Großen gehört zu den wichtigsten historischen Bauwerken der Stadt. Ihre Geschichte reicht bis ins Mittelalter zurück: Die erste bekannte schriftliche Erwähnung einer Kirche an dieser Stelle stammt aus dem Jahr 1352 und gilt gleichzeitig als erste schriftliche Erwähnung von Liberec. Damals handelte es sich noch um eine kleine Holzkirche.
Wenige Minuten später standen wir vor dem Baťa-Gebäude. Der funktionalistische Bau entstand 1931/32 nach einem Entwurf des Architekten Vladimír Karfík und orientiert sich an der charakteristischen Architektur der Baťa-Warenhäuser. Der sachliche Stil wurde unter anderem von der modernen Architektur Le Corbusiers beeinflusst. Seit 1958 steht das Gebäude unter Denkmalschutz.
Palác Dunaj und Palác Nisa: Als Liberec nach oben wollte
Weiter ging unsere kleine Architektur-Tour zum Palác Dunaj. Der funktionalistische Bau entstand zwischen 1926 und 1928 und markierte einen wichtigen Wandel im Stadtbild. An dieser Stelle entwickelte sich zunehmend ein neues geschäftliches und gesellschaftliches Zentrum.




Direkt gegenüber beziehungsweise in unmittelbarer Nähe folgte der Palác Nisa, der 1929 errichtet wurde. Das neungeschossige Gebäude entstand nach Plänen des Prager Architekten Franz Lehmann. Ursprünglich war ein Hotel geplant, letztlich beherbergte der Bau Wohnungen, eine Caféfläche und Ateliers. Die Fassade wurde mit Liberecer Granit verkleidet.
Wir machten Fotos, schauten nach oben und stellten fest: Liberec hatte offenbar schon vor fast hundert Jahren beschlossen, dass eine Stadt ruhig ein bisschen höher hinaus darf. Während andere Städte damals noch über die nächste Straßenlaterne diskutierten, baute man hier bereits neungeschossige Versicherungspaläste.
Böhmischer Abend mit grünem Finale
Zum Abschluss des Abends landeten wir in der Pivnice Vokno. Der Name versprach Kneipe und die Atmosphäre hielt Wort. Dazu gab es Pilsner Urquell. Ein schöner Abschluss wäre damit eigentlich schon erreicht gewesen. Aber wir waren in Tschechien. Und offenbar war der Abend noch nicht bereit, vernünftig zu enden. Also kam Absinth ins Spiel.



Nach Felsen, Burgen, futuristischer Architektur, Kirche, Funktionalismus und mehreren Bieren bekam unser Liberec-Abend damit noch eine leicht grüne Note. Ein ziemlich passender Schluss für einen Tag, der ohnehin zwischen Natur, Geschichte und architektonischem Größenwahn hin und her gesprungen war.
Fazit: Liberec ist mehr als der Ještěd
Unser Wochenende in Liberec begann mit den Sandsteinfelsen des Böhmischen Paradieses und führte uns schließlich in eines der außergewöhnlichsten Hotels Europas. Das Hotel Ještěd allein wäre schon Grund genug für die Reise gewesen. Doch Liberec überraschte auch abseits seines berühmten Berges: mit historischer Architektur, funktionalistischen Bauten, guter Küche und einer Bierkultur, die man besser nicht unterschätzt.
Was bleibt, ist ein Wochenende voller Kontraste: Felsen und Funktionalismus, Mittelalter und Moderne, Hotel und Fernsehturm, Pilsner und Absinth.
Und vielleicht ist genau das der Reiz von Liberec. Die Stadt versucht gar nicht erst, alles auf eine Karte zu setzen.
Sie spielt einfach mehrere.
Und ziemlich gute.
Lust auf Böhmen bekommen? Dann lest hier weiter.
Ja, du kannst mit dem Auto auf den Ještěd fahren. Ganz oben dürfen aber nur Hotelgäste nach vorheriger Reservierung parken.
Liberec liegt am Jeschkengebirge und dem Berggipfel Ještěd (Jeschken).
Der Gipfel kann mit einem Auto, zu Fuß, mit dem Bus, dem Taxi oder auch einem Sessellift erreicht werden.
